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Leerer Boardroom – Individuelle Zurechnung bei Gremienentscheidungen des Aufsichtsrats

Strafbarkeit bei Gremienentscheidungen: die individuelle Zurechnung im Aufsichtsrat

6 Min.

AUF EINEN BLICK

Das Strafrecht kennt keine Kollektivschuld. Die Strafbarkeit eines Aufsichtsratsmitglieds knüpft nicht an den Gremiumsbeschluss als solchen an, sondern an den individuellen Tatbeitrag — Zustimmung, Untätigkeit oder unterlassene Initiative — und an den persönlichen Vorsatz. Wer eine Befassung des Gremiums anstößt, erkennbare Risiken offenlegt, gegen die Maßnahme stimmt und seinen Widerspruch dokumentieren lässt, schafft wichtige Entlastungsargumente. Eine Überstimmung im Gremium entlastet aber nicht automatisch; ob weitere Schritte zumutbar waren, ist Frage des Einzelfalls.

Aufsichtsratsentscheidungen sind Kollektivakte. Strafrechtlich verantwortet wird gleichwohl der Einzelne. Diese Spannung — gemeinsamer Beschluss, individuelle Schuld — ist der Kern jeder Verteidigung im Kollegialorgan. Den materiellen Rahmen behandeln der Pillar Strafbarkeit des Aufsichtsrats und der Cluster Untreue durch Aufsichtsratsmitglieder; dieser Beitrag betrifft die Zurechnung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Keine Kollektivschuld: der Grundsatz
  2. Die 3 Anknüpfungspunkte der Zurechnung
  3. Stimmverhalten, Enthaltung, Widerspruch
  4. Vorsitz, Ausschuss und faktischer Einfluss
  5. Verteidigungsstrategien
  6. Verfahrensbezug
  7. Häufige Fragen

Keine Kollektivschuld: der Grundsatz

Das Strafrecht rechnet Schuld individuell zu. Das Gremium als solches wird nicht strafrechtlich schuldig; eine automatische Strafbarkeit allein wegen der Mitgliedschaft im Aufsichtsrat gibt es nicht. Maßgeblich ist, was das einzelne Mitglied getan oder pflichtwidrig unterlassen hat — und mit welchem Vorsatz.

Im Lederspray-Fall (BGH, Urt. v. 06.07.1990 – 2 StR 549/89) entschied der Bundesgerichtshof, dass eine einstimmig getragene Kollektiventscheidung die persönliche strafrechtliche Verantwortung der Beteiligten nicht ausschließt. Jedes Mitglied bleibt zum gebotenen Handeln verpflichtet. Im Politbüro-Fall (BGH, Urt. v. 06.11.2002 – 5 StR 281/01) hat der Bundesgerichtshof die individuelle Verantwortung für kollektives Untätigbleiben bestätigt. Ein Beteiligter kann sich nicht ohne Weiteres darauf zurückziehen, er wäre bei einem Widerspruch ohnehin überstimmt worden; entscheidend bleibt die hypothetische Kausalität des pflichtgemäßen Verhaltens. Dogmatisch wird die Zurechnung über die allgemeine Täterschafts- und Teilnahmelehre (§§ 25, 27 StGB) und das Unterlassungsdogma (§ 13 StGB) gelöst.

Die 3 Anknüpfungspunkte der Zurechnung

Aktive Zustimmung

Stimmt ein Mitglied für eine vermögensschädigende Maßnahme, kann die Zustimmung ein eigener Tatbeitrag sein. Ob täterschaftliche Untreue, Beihilfe oder keine Strafbarkeit vorliegt, hängt von Vermögensbetreuungspflicht, Pflichtverletzung, Vermögensnachteil, Vorsatz und der konkreten Rolle des Mitglieds ab. Die Zustimmung ist dokumentiert und damit beweisrechtlich besonders relevant.

Untätigkeit trotz Kenntnis

Wer eine das Gesellschaftsvermögen schädigende Maßnahme erkennt und nichts unternimmt, kommt für eine Strafbarkeit durch Unterlassen in Betracht. Voraussetzung sind die Garantenstellung, eine zumutbare und geeignete Handlungsmöglichkeit und Vorsatz. Das OLG Braunschweig (OLG Braunschweig, Beschl. v. 14.06.2012 – Ws 44/12, Ws 45/12) hat betont, dass ein Mitglied erkannten Verstößen der Kollegen nicht tatenlos zusehen darf.

Unterlassene Initiative

Ein dritter Punkt liegt vor der Abstimmung: Wer Anhaltspunkte für eine drohende Schädigung hat, kann gehalten sein, die Befassung des Gremiums zu initiieren — zunächst über ein Einberufungsverlangen nach § 110 Abs. 1 AktG und, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, über die Selbst-Einberufung nach § 110 Abs. 2 AktG.

Stimmverhalten, Enthaltung, Widerspruch

Das konkrete Abstimmungsverhalten ist beweisrechtlich zentral. Wer gegen die Maßnahme stimmt, setzt ein Gegensignal. Allein genügt das aber nicht, wenn weitere zumutbare Schritte möglich und geboten waren. Die Enthaltung ist heikel: Sie ist regelmäßig kein klares Gegensignal. Der dokumentierte Widerspruch — zu Protokoll, mit Begründung — ist das stärkste Entlastungsmittel.

Im Kollegialorgan schützt nicht die Mehrheit, sondern die dokumentierte eigene Position.

Vorsitz, Ausschuss und faktischer Einfluss

Die Zurechnung ist nicht für alle Mitglieder gleich. Der Vorsitzende und die Mitglieder eines mit der Sache befassten Ausschusses haben regelmäßig einen näheren Informationszugang und größeren Einfluss auf Tagesordnung und Beschlussvorbereitung. Daraus kann sich im Einzelfall eine gesteigerte Handlungspflicht ergeben — nicht wegen des Titels allein, sondern wegen konkreter Befassung und tatsächlicher Einflussmöglichkeit.

Verteidigungsstrategien

Den individuellen Tatbeitrag isolieren

Erster Schritt ist die Rückführung des Kollektivakts auf den konkreten Beitrag des Mandanten. Was hat er gewusst, wie hat er abgestimmt, welche Initiative hat er ergriffen? Eine pauschale Zurechnung des Gremiumsbeschlusses an alle Mitglieder ist unzulässig.

Vorsatz einzeln prüfen

Der Vorsatz ist für jedes Mitglied gesondert festzustellen. Kenntnisstand, Informationszugang und das Bewusstsein der Vermögensrelevanz können sich von Mitglied zu Mitglied unterscheiden. Wer auf eine unrichtige oder unvollständige Vorlage vertraut hat, hatte möglicherweise nicht den erforderlichen Vorsatz.

Zumutbarkeit und Quasi-Kausalität

Bei der Unterlassungsvariante ist zu prüfen, ob ein zumutbares und wirksames Mittel zur Verfügung stand. Da der Aufsichtsrat kein Weisungsrecht hat, sind die Mittel begrenzt. Umgekehrt schützt der bloße Hinweis, man wäre überstimmt worden, nach der Lederspray-Linie nicht vor Zurechnung.

Den Vermögensnachteil eigenständig einfordern

Das Verschleifungsverbot (BVerfG, Beschl. v. 23.06.2010 – 2 BvR 2559/08 u. a.): Der Nachteil ist eigenständig und wirtschaftlich nachvollziehbar festzustellen. Die materiellen Hebel sind zur Garantenstellung des Aufsichtsrats vertieft.

Übersicht: Anknüpfungspunkte und Verteidigungsansätze

VerhaltenStrafrechtliches RisikoEntlastungsansatz
Zustimmungaktiver Tatbeitragfehlender Vorsatz, fehlender Nachteil, vertretbare Informationsgrundlage
Enthaltungunklare Position, Beweisrisikodokumentierte Bedenken, Nachfrage, Eskalation
GegenstimmeEntlastungsindizProtokollierung, Begründung, weitere zumutbare Schritte
UntätigkeitUnterlassungsvorwurfkeine Kenntnis, keine Garantenpflicht, keine zumutbare Handlungsmöglichkeit

Verfahrensbezug

Im Ermittlungsverfahren sind das Sitzungsprotokoll und die Abstimmungsdokumentation die zentralen Beweismittel. Wo das Protokoll eine Gegenstimme und einen begründeten Widerspruch ausweist, kann dies erheblich gegen einen hinreichenden Tatverdacht sprechen. Zur verfahrenstaktischen Steuerung siehe Aufsichtsrat im Ermittlungsverfahren. Vertiefend: Das Fundament.

In der Einordnung bleibt es bei der Asymmetrie: Die zivilrechtliche Gesamtverantwortung des Gremiums ist weit, die strafrechtliche Zurechnung eng und individuell. Wo der eigene Tatbeitrag fehlt, der Vorsatz nicht festzustellen ist oder kein zumutbares Mittel zur Verfügung stand, trägt der Vorwurf gegen das einzelne Mitglied nicht.

Häufige Fragen

Haftet ein Aufsichtsratsmitglied für einen Gremiumsbeschluss strafrechtlich automatisch mit?
Nein. Das Strafrecht kennt keine Kollektivschuld. Die Strafbarkeit knüpft an den individuellen Tatbeitrag des einzelnen Mitglieds an — Zustimmung, Untätigkeit trotz Kenntnis oder unterlassene Initiative — und an den persönlichen Vorsatz.
Entlastet eine Gegenstimme im Gremium?
Sie ist ein wichtiges Gegensignal, genügt aber nicht immer. Maßgeblich ist die Gesamtschau: Hat das Mitglied die ihm zustehenden Mittel ausgeschöpft? Eine Gegenstimme samt Einberufungsinitiative (§ 110 AktG) und protokolliertem Widerspruch wiegt deutlich schwerer als eine Gegenstimme bei anschließender Passivität.
Wie wirkt eine Stimmenthaltung strafrechtlich?
Eine Enthaltung ist heikel. Sie ist kein Gegensignal und kann je nach Lage als Mittragen der Mehrheitsentscheidung gewertet werden. Wer Bedenken hat, sollte sie durch Gegenstimme und dokumentierten Widerspruch deutlich machen.
Was bedeutet der Lederspray-Fall für Aufsichtsräte?
Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass eine einstimmig getragene Kollektiventscheidung die persönliche strafrechtliche Verantwortung nicht ausschließt. Die Entscheidung betraf den Vorstand, ist für die Zurechnung im Kollegialorgan aber Leitentscheidung und auf den Aufsichtsrat übertragbar.
Muss der Vorsatz für jedes Mitglied einzeln festgestellt werden?
Ja. Vorsatz ist ein persönliches Merkmal und für jedes Mitglied gesondert zu prüfen. Wer auf eine unrichtige oder unvollständige Vorlage vertraut hat, hatte möglicherweise nicht den erforderlichen Vorsatz.
Trifft den Aufsichtsratsvorsitzenden eine strengere Verantwortung?
Tendenziell ja. Maßgeblich ist aber nicht der formale Status allein, sondern der tatsächliche Einfluss auf die konkrete Entscheidung.

Quellen: BGH, Urt. v. 06.07.1990 – 2 StR 549/89 (BGHSt 37, 106); BGH, Urt. v. 06.11.2002 – 5 StR 281/01 (BGHSt 48, 77); BVerfG, Beschl. v. 23.06.2010 – 2 BvR 2559/08, 2 BvR 105/09, 2 BvR 491/09 (BVerfGE 126, 170); OLG Braunschweig, Beschl. v. 14.06.2012 – Ws 44/12, Ws 45/12 (NJW 2012, 3798); BGH, Urt. v. 12.12.2013 – 3 StR 146/13 (NStZ 2015, 220).

Stand: Mai 2026. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung im Einzelfall dar.

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