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Untreue GmbH-Geschäftsführer: § 266 StGB in der Praxis

29. April 2026

Untreue GmbH-Geschäftsführer: § 266 StGB in der Praxis

> Kurzantwort: Der GmbH-Geschäftsführer macht sich wegen Untreue nach § 266 StGB strafbar, wenn er seine Vermögensbetreuungspflicht gegenüber der Gesellschaft pflichtwidrig verletzt und dadurch einen bezifferbaren Vermögensnachteil verursacht. Das Einverständnis der Gesellschafter schützt – aber nur, solange weder das Stammkapital (§ 30 GmbHG) angetastet noch die Existenz der Gesellschaft gefährdet wird.

Die zwei Pflichtenebenen: § 43 GmbHG und § 266 StGB

Der GmbH-Geschäftsführer bewegt sich in zwei parallelen Pflichtensystemen. Zivilrechtlich unterliegt er der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes (§ 43 Abs. 1 GmbHG); strafrechtlich greift zusätzlich § 266 StGB. Beide Regime sind nicht deckungsgleich. Der zivilrechtliche Sorgfaltsmaßstab erfasst jede haftungsrelevante Fehlentscheidung, der strafrechtliche Pflichtwidrigkeitsmaßstab nur den qualifizierten Verstoß, der nach der Restriktionsrechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG, Beschl. v. 23.06.2010 – 2 BvR 2559/08 u.a.) die Schwelle zur strafbaren Pflichtverletzung überschreitet.

Für die Verteidigung ist diese Zweischichtigkeit zentral: Aus einer zivilrechtlichen Sorgfaltspflichtverletzung folgt nicht automatisch strafrechtliche Untreue. Das Pflichtwidrigkeitsmerkmal und das Nachteilsmerkmal müssen selbständig festgestellt werden (sog. Verschleifungsverbot des BVerfG). Tatgerichtliche Urteile, die aus einem Satzungs- oder Richtlinienverstoß ohne weitere Analyse auf einen Vermögensschaden schließen, sind revisibel.

Für die Compliance-Praxis folgt daraus: Eine klare interne Genehmigungsarchitektur reduziert beide Haftungsrisiken. Wer jede vermögensrelevante Entscheidung in einen dokumentierten Prozess einbettet, erschwert sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Angriffe.

Vermögensbetreuungspflicht: Warum der Geschäftsführer Untreue-Täter ist

Die GmbH ist gegenüber ihrem Geschäftsführer eine eigenständige juristische Person. Das Gesellschaftsvermögen ist für den Geschäftsführer daher „fremdes“ Vermögen im Sinne des § 266 StGB – und zwar auch dann, wenn er zugleich Alleingesellschafter ist. Diese Trennung zwischen Gesellschafts- und Gesellschaftervermögen ist das dogmatische Fundament der Strafbarkeit.

Der Bundesgerichtshof verlangt für die Vermögensbetreuungspflicht in ständiger Rechtsprechung drei kumulative Kriterien: Fremdnützigkeit (Verwaltung fremden Vermögens), Hauptpflicht (die Vermögenssorge muss wesentliche Pflicht sein, nicht bloße Nebenpflicht einer Austauschbeziehung) und Selbständigkeit (eigenverantwortlicher Entscheidungsspielraum). Der GmbH-Geschäftsführer erfüllt alle drei Kriterien regelmäßig kraft seiner Organstellung – das ist der Preis der weitreichenden Vertretungsbefugnis.

Innen- und Außenverhältnis sind dabei strikt zu trennen. Im Außenverhältnis ist die Vertretungsmacht des Geschäftsführers nach § 37 Abs. 2 GmbHG unbeschränkt und unbeschränkbar; jeder mit einem Dritten geschlossene Vertrag ist wirksam. Im Innenverhältnis kann der Geschäftsführer jedoch gebunden sein: durch Gesellschaftsvertrag, Geschäftsordnung, Gesellschafterbeschluss oder Weisungen. Die strafbare Untreue beginnt dort, wo der Geschäftsführer sein rechtliches Können im Widerspruch zu seinem rechtlichen Dürfen einsetzt und dadurch die Gesellschaft schädigt.

Das Einverständnis der Gesellschafter: Schutzanker mit Grenzen

Das zentrale Verteidigungsargument in Untreueverfahren gegen Geschäftsführer ist das Einverständnis der Gesellschafter. Nach gefestigter BGH-Rechtsprechung entfällt die Pflichtwidrigkeit einer Vermögensverfügung, wenn sämtliche Gesellschafter zustimmen. Die Gesellschafter sind die wirtschaftlichen Herren des Gesellschaftsvermögens; wenn sie einvernehmlich auf Vermögensinteressen der Gesellschaft verzichten, fehlt dem Geschäftsführer die entgegenstehende Pflicht.

Dieser Schutz hat allerdings scharfe Grenzen. Der BGH hat in einer Reihe von Leitentscheidungen herausgearbeitet, dass das Einverständnis unwirksam ist, wenn die Vermögensverfügung

  • das durch §§ 30, 31 GmbHG geschützte Stammkapital angreift,
  • eine Überschuldung herbeiführt oder vertieft, oder
  • die Liquidität der Gesellschaft gefährdet (sog. existenzvernichtender Eingriff).

Die Leitlinie dieser Rechtsprechung zieht sich durch die Entscheidungen BGH, Urt. v. 13.05.2004 – 5 StR 73/03 (BGHSt 49, 147); BGH, Beschl. v. 31.07.2009 – 2 StR 95/09 (BGHSt 54, 52); BGH, Urt. v. 27.08.2010 – 2 StR 111/09 (BGHSt 55, 266) und BGH, Beschl. v. 15.05.2012 – 3 StR 118/11 (BGHSt 57, 229). Die dogmatische Begründung ist einfach: Das Gesellschaftsvermögen ist nicht nur den Gesellschaftern, sondern auch den Gläubigern zugeordnet – und über Gläubigerinteressen können die Gesellschafter nicht disponieren.

Für den Alleingesellschafter-Geschäftsführer ist die Konsequenz oft überraschend: Auch er kann sich wegen Untreue zulasten „seiner eigenen“ GmbH strafbar machen, wenn er Vermögenswerte entzieht, die das Stammkapital mindern oder die Existenz der Gesellschaft gefährden. Das Reichsgericht hatte dieses Ergebnis bereits in den 1930er Jahren vertreten; der BGH hat die Linie durchgehalten. Wer als Gesellschafter-Geschäftsführer nur einer Person Rechenschaft schuldet – sich selbst – ist strafrechtlich nicht weniger, sondern strukturell stärker gefährdet, weil die Trennung zwischen eigener und gesellschaftlicher Sphäre in der täglichen Praxis oft verschwimmt.

Fallgruppen der GF-Untreue

Die Ermittlungsrealität zeigt ein wiederkehrendes Muster. Die folgenden Konstellationen bilden den Kern der staatsanwaltschaftlichen Arbeit in GF-Untreueverfahren:

Fallgruppe Typische Tathandlung Verteidigungsperspektive
Private Nutzung von Gesellschaftsmitteln Begleichung privater Rechnungen aus der Firmenkasse; Nutzung des Firmenwagens für Verkehrsverstöße (Bußgeld wird von der GmbH gezahlt) Bagatellgrenze, dokumentierte Verrechnung, geringer Schuldgehalt
Überhöhte Gehalts- oder Tantiemen-Selbstfestsetzung Unilaterale Vergütungserhöhung ohne Gesellschafterbeschluss oder Aufsichtsratszustimmung Angemessenheit nach Marktvergleich, Dokumentationsprozess
Darlehen an nahestehende Personen Kredite an Ehegatten, Kinder, eigene Gesellschaften ohne Sicherheiten und wirtschaftliche Grundlage Marktüblichkeit, Bonitätsprüfung, Drittvergleich
Scheinrechnungen und Luftleistungen Bezahlung von Rechnungen ohne reale Gegenleistung, Umleitung in Beratergesellschaften Leistungsnachweis, Angemessenheit, Drittvergleich
Nachteilige Verträge mit Interessenkonflikt Abschluss ungünstiger Verträge mit Unternehmen des Geschäftsführers oder seiner Angehörigen § 181 BGB-Situation, Offenlegung, Drittvergleichskonditionen
Spesenmissbrauch Systematische Abrechnung privater Ausgaben als Geschäftsreisen oder Repräsentationskosten Reise- und Belegdokumentation, Reisekostenrichtlinie
Einstellung und Vergütung von Angehörigen ohne Gegenleistung Scheinarbeitsverhältnisse, überhöhte Entlohnung ohne tatsächliche Tätigkeit Arbeitsleistungsnachweis, Marktüblichkeit
Bareinnahmen und schwarze Kassen Nichtverbuchung von Einnahmen, Anlegen verdeckter Konten Siehe separat: Schwarze Kassen und die Siemens-Doktrin

Eine wichtige Abgrenzung betrifft die verdeckte Gewinnausschüttung: Sie ist nicht automatisch Untreue. Gesellschafter haben grundsätzlich Anspruch auf den Gewinn ihrer GmbH; verschleierte Gewinnzuwendungen sind daher zunächst ein steuer- und gesellschaftsrechtliches Thema. Die strafrechtliche Schwelle wird erst überschritten, wenn die Ausschüttung die Kapitalerhaltung nach § 30 GmbHG oder die Existenz der Gesellschaft tangiert.

Insolvenznahe Konstellationen: Bankrott trifft Untreue

Die praktisch gefährlichste Situation für den GmbH-Geschäftsführer entsteht in der Nähe der Insolvenzreife. Bis zur Entscheidung des 3. Strafsenats vom 15.05.2012 (3 StR 118/11, BGHSt 57, 229) schützte die sogenannte Interessentheorie den eigennützig handelnden Geschäftsführer vor einer Bankrottstrafbarkeit: Weil er nicht im Interesse der Gesellschaft, sondern aus eigenem Motiv handelte, sei er nicht „als“ Organ tätig geworden. Das Ergebnis war eine Strafbarkeitslücke, die insbesondere in Ein-Mann-GmbH-Konstellationen die Gläubiger praktisch schutzlos stellte.

Der BGH hat diese Konstruktion ausdrücklich aufgegeben. Seither reicht für die Zurechnung der Schuldnereigenschaft das rechtsgeschäftliche oder funktionale Handeln des Geschäftsführers im Geschäftskreis der GmbH; das subjektive Interesse ist unerheblich. Die praktische Konsequenz: Wer als Geschäftsführer in der Krise der Gesellschaft Vermögenswerte auf eigene Konten umleitet – etwa zur Befriedigung eigener Ansprüche oder privater Gläubiger – erfüllt regelmäßig die Tatbestände des Bankrotts (§ 283 StGB), häufig in Tateinheit mit Untreue (§ 266 StGB) und begleitet von § 15a InsO (Insolvenzverschleppung).

Für die Ermittlungspraxis bedeutet die Aufgabe der Interessentheorie eine spürbare Verschärfung. Umleitungen und Verschiebungen in der Krisenphase, die früher nur zivilrechtliche Haftung auslösten, sind nun regelmäßig Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Gesellschafter, die solchen Maßnahmen zustimmen, geraten zusätzlich in den Verdacht der Beihilfe zur Untreue oder zum Bankrott – denn ihr Einverständnis ist bei existenzgefährdenden Eingriffen strafrechtlich unwirksam.

Strafrahmen, Berufsverbot und § 6 Abs. 2 GmbHG-Sperre

Der Strafrahmen des § 266 Abs. 1 StGB reicht bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe; in besonders schweren Fällen (§ 266 Abs. 2 i.V.m. § 263 Abs. 3 StGB) von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Für den Geschäftsführer sind neben dem Strafmaß vor allem die Nebenfolgen existenzbedrohend:

Folge Rechtsgrundlage Konsequenz
Berufsverbot § 70 StGB Bis zu fünf Jahren, bei wiederholter Verurteilung auch unbefristet
GmbH-Geschäftsführer-Sperre § 6 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 lit. e GmbHG Fünf Jahre keine Bestellung als Geschäftsführer nach rechtskräftiger Verurteilung wegen § 266 StGB
Vorstands-Sperre AG § 76 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 lit. e AktG Parallel dazu Sperre für Vorstandsämter
Eintrag Führungszeugnis §§ 30 ff. BZRG Negative Auswirkungen auf Kreditvergabe, öffentliche Aufträge, Berufszulassungen
Einziehung §§ 73 ff. StGB Abschöpfung der erlangten Vermögenswerte oder Werte; Vermögensarrest (§ 111e StPO) bereits im Ermittlungsverfahren
Zivilrechtliche Regresse § 43 Abs. 2 GmbHG Schadensersatzansprüche der Gesellschaft, häufig über Insolvenzverwalter geltend gemacht

Die Fünf-Jahres-Sperre nach § 6 Abs. 2 GmbHG trifft den Geschäftsführer unmittelbar: Sie gilt automatisch mit Rechtskraft der Verurteilung, ohne dass es einer richterlichen Anordnung bedürfte. Für den beruflichen Kontext ist das häufig gravierender als die eigentliche Strafhöhe. Die Verteidigung muss diese Nebenfolge von Anfang an mitdenken – insbesondere bei Verständigungen nach § 257c StPO und bei Einstellungen gegen Auflagen (§§ 153, 153a StPO).

Drei Verteidigungsvektoren für den GmbH-Geschäftsführer

Die Verteidigung gegen den Vorwurf der Untreue folgt drei systematischen Angriffslinien, die der Pillar-Beitrag in allgemeiner Form beschreibt. In der spezifischen GF-Konstellation lassen sie sich wie folgt operationalisieren:

Vektor 1 – Angriff auf die Vermögensbetreuungspflicht. Bei mehrstufigen Genehmigungsprozessen – etwa wenn jede Zahlung über einem bestimmten Schwellenwert der Zustimmung eines zweiten Geschäftsführers oder eines Beirats bedarf – kann die Selbständigkeit des Entscheidungsspielraums bestritten werden. Der Geschäftsführer, der nur eine Kontrollstufe in einem mehrstufigen Prozess ausfüllt, ist nicht zwingend Vermögensbetreuungspflichtiger im Sinne des § 266 StGB.

Vektor 2 – Angriff auf die Pflichtwidrigkeit. Das Einverständnis aller Gesellschafter ist das klassische Verteidigungsargument. Die Kunst besteht darin, das Einverständnis belastbar zu dokumentieren (Gesellschafterbeschluss, Protokoll) und zugleich den Beweis zu führen, dass weder Stammkapital noch Existenz der Gesellschaft tangiert wurden. Bei kriselnden Gesellschaften ist Vektor 2 mit Vorsicht zu führen – die BGH-Rechtsprechung zur Existenzgefährdung ist streng.

Vektor 3 – Angriff auf den Vermögensnachteil. Die Gesamtsaldierung verlangt einen wirtschaftlich fassbaren Minderwert. Wurde eine adäquate Gegenleistung erbracht (Arbeitsleistung, Darlehensrückzahlung, Nutzungsvorteil)? Fehlt es an der vom BVerfG geforderten wirtschaftlichen Bezifferung des Schadens? Das Verschleifungsverbot bleibt das wichtigste Revisionsargument: Die Pflichtverletzung darf den Nachteil nicht automatisch indizieren.

Hinzu tritt der Angriff auf die subjektive Tatseite. Untreue ist Vorsatzdelikt – fahrlässiges Handeln genügt nicht. Der Geschäftsführer, der auf rechtlichen oder steuerlichen Rat vertraute (Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, externe Rechtsanwälte), kann einem Tatbestandsirrtum nach § 16 StGB unterliegen. Der BGH verlangt zudem eine separate Prüfung des Vorsatzes hinsichtlich aller Tatbestandsmerkmale; pauschale Wertungen („insgesamt unangemessen“) tragen den Schuldspruch nicht.

Ermittlungsauslöser und Warnsignale

Die meisten Untreueverfahren gegen GmbH-Geschäftsführer beginnen nicht mit staatsanwaltlichen Routineermittlungen, sondern mit Anzeigen aus dem engsten Umfeld. Typische Auslöser sind:

  • Mitgesellschafter-Strafanzeigen, häufig als Begleitinstrument eines Gesellschafterstreits über Abberufung oder Ausschluss
  • Insolvenzverwalter, die im Rahmen ihrer Prüfungspflicht nach § 133 InsO und § 130 InsO Vermögensverschiebungen aufdecken
  • Betriebsprüfungen, die Scheinrechnungen, überhöhte Beraterhonorare oder private Ausgaben entdecken und die Finanzbehörden nach § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 10 EStG zur Weitergabe an die Staatsanwaltschaft verpflichtet sind
  • Hinweisgeberhinweise nach dem Hinweisgeberschutzgesetz – insbesondere durch ehemalige Mitarbeiter, Controllerinnen oder interne Revisoren
  • Banken im Rahmen ihrer Meldepflichten nach dem Geldwäschegesetz
  • Wirtschaftsprüfer, die Auffälligkeiten im Rahmen der Jahresabschlussprüfung feststellen und nach § 321 Abs. 1 Satz 3 HGB redepflichtig sind

Für die Präventionspraxis bedeutet das: Eine saubere Dokumentation jeder vermögensrelevanten Entscheidung – Protokoll der Gesellschafterversammlung, schriftlicher Gesellschafterbeschluss, Angemessenheitsprüfung, Drittvergleich – ist der beste Schutz gegen spätere Ermittlungen. Wer den Rechtsrat seines Beraters einholt und dokumentiert, entkräftet den Vorsatzvorwurf bereits in der Entstehung.

Für die Verteidigung gilt umgekehrt: Sobald ein Mandant von einer Durchsuchung, einer Beschuldigtenvorladung oder einem Anhörungsbogen berichtet, ist die frühzeitige strafrechtliche Beratung der entscheidende Hebel. Die ersten Weichen – Aussageverhalten, Akteneinsicht, Umgang mit der Gesellschaft – werden oft in den ersten Tagen gestellt und sind später schwer zu korrigieren.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wann macht sich ein GmbH-Geschäftsführer wegen Untreue strafbar?

Strafbar wird der Geschäftsführer, wenn er seine Vermögensbetreuungspflicht gegenüber der GmbH pflichtwidrig verletzt und dadurch einen bezifferbaren Vermögensnachteil herbeiführt. Die Pflichtwidrigkeit erfordert nach BVerfG-Rechtsprechung eine gravierende, nicht jede nur zivilrechtliche Pflichtverletzung. Der Schaden muss wirtschaftlich nachweisbar sein; das Verschleifungsverbot sperrt den automatischen Schluss von Pflichtverletzung auf Schaden.

Schützt das Einverständnis aller Gesellschafter vor Untreue-Strafbarkeit?

Grundsätzlich ja. Stimmen sämtliche Gesellschafter einer Vermögensverfügung zu, entfällt die Pflichtwidrigkeit. Der Schutz endet jedoch dort, wo die Verfügung das Stammkapital nach § 30 GmbHG angreift, eine Überschuldung herbeiführt oder vertieft oder die Liquidität der Gesellschaft gefährdet (existenzvernichtender Eingriff). Das ergibt sich aus gefestigter BGH-Rechtsprechung – u.a. BGH, Urt. v. 13.05.2004 – 5 StR 73/03, BGHSt 49, 147.

Kann ein Alleingesellschafter-Geschäftsführer Geld ohne Risiko entnehmen?

Nein. Auch der Alleingesellschafter-Geschäftsführer bewegt sich im Schutzbereich des § 266 StGB, weil das Gesellschaftsvermögen strafrechtlich „fremd“ bleibt. Solange die Entnahme den ausgewiesenen Gewinn nicht übersteigt und das Stammkapital unberührt lässt, ist sie regelmäßig unbedenklich. Greift sie dagegen das Stammkapital an oder gefährdet die Existenz der Gesellschaft, ist sie strafbar – unabhängig davon, dass der Gesellschafter sich „selbst“ zustimmt.

Was ist der existenzvernichtende Eingriff im strafrechtlichen Kontext?

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Zivilrecht (§ 826 BGB, BGH-Rechtsprechung zu Trihotel und Gamma) und bezeichnet Vermögensverschiebungen, die die Insolvenz der Gesellschaft herbeiführen oder vertiefen. Strafrechtlich wirkt er als Sperre für das Gesellschafter-Einverständnis: Wer durch seine Zustimmung die Existenz der Gesellschaft aufs Spiel setzt, kann die Untreue des Geschäftsführers nicht wirksam legitimieren. Das Gläubigerinteresse ist nicht dispositiv.

Welche Strafe droht einem GmbH-Geschäftsführer bei Untreue?

Der Grundtatbestand sieht Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe vor; besonders schwere Fälle – insbesondere bei einem Vermögensverlust großen Ausmaßes (Schwellenwert nach h.M. rund 50.000 Euro), gewerbs- oder bandenmäßigem Handeln – reichen bis zehn Jahren. Hinzu treten Nebenfolgen: fünf Jahre Geschäftsführer-Sperre nach § 6 Abs. 2 GmbHG, mögliches Berufsverbot nach § 70 StGB, Eintrag im Führungszeugnis, Einziehung der Taterträge und zivilrechtliche Regresse.

Was ist die Aufgabe der Interessentheorie und wie wirkt sie sich aus?

Mit Beschluss vom 15.05.2012 – 3 StR 118/11 (BGHSt 57, 229) hat der BGH die sogenannte Interessentheorie aufgegeben: Die Bankrottstrafbarkeit des GmbH-Geschäftsführers setzt nicht mehr voraus, dass er im Interesse der Gesellschaft gehandelt hat. Konsequenz: Wer in der Krise der Gesellschaft Vermögenswerte eigennützig entzieht, begeht regelmäßig Bankrott in Tateinheit mit Untreue. Die frühere Strafbarkeitslücke, die insbesondere in Ein-Mann-GmbH-Konstellationen bestand, ist geschlossen.

Wann sollte ein Geschäftsführer bei Untreue-Verdacht einen Strafverteidiger einschalten?

Sofort nach Kenntnis. Jede Form staatsanwaltlicher Kontaktaufnahme – Durchsuchungsbeschluss, Vorladung, Anhörungsbogen, Zeugenvernehmung in benachbarter Sache – ist ein Signal zur Mandatierung. Die ersten Tage bestimmen das Aussage- und Akteneinsichtsverhalten, den Umgang mit der Gesellschaft (interne Untersuchung, arbeitsrechtliche Treuepflichten, nemo tenetur) und die strategische Grundrichtung. Wer hier improvisiert, verschenkt Verteidigungsoptionen, die später nicht wiederhergestellt werden können.

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