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Der Zuschauereffekt (Bystander effect) – Warum es aus Sicht von Compliance gut ist, wenn nur eine einzelne Person Zeuge von Fehlverhalten im Betrieb wird

Die Relevanz des Zuschauereffekts für Compliance

Kein Compliance-Programm bietet 100% Sicherheit vor Regelverstößen. Wichtig ist, dass das Compliance-Programm Mechanismen enthält, um auf entdecktes Fehlverhalten angemessen zu reagieren. Doch selbst das beste Compliance-Programm kann nicht reagieren, wenn die Information über das beobachtete Fehlverhalten nie die zuständige Stelle im Unternehmen erreicht.

Nicht selten kommt es vor, dass erst im Rahmen einer internen Untersuchung ans Licht kommt, dass diverse Personen das Fehlverhalten einer Person, zum Beispiel eine Korruptionsstraftat, beobachtet haben. Dennoch haben sie die Information nicht an die zuständige Stelle im Unternehmen (regelmäßig die Compliance-Abteilung oder Revision) weitergeleitet. Etliche Compliance-Schulungen und auch die Implementierung von Hinweisgebersystemen haben versagt. Fragt man die Mitarbeiter, warum sie das beobachtete Fehlverhalten nicht gemeldet haben, bekommt man häufig dieselbe Antwort zu hören. Man sei nicht die einzige Person gewesen, die Kenntnis von der begangenen Straftat gehabt habe. Deshalb sei man davon ausgegangen, Person X oder Y, die die Straftat ebenfalls beobachtet haben, würden das Fehlverhalten schon melden. Man selbst habe sich auf die anderen verlassen.

Worum es beim Zuschauereffekt geht

Das Phänomen, dass einzelne Augenzeugen einer Straftat diese mit nachlassender Wahrscheinlichkeit anzeigen, wenn weitere Personen die Straftat beobachtet haben, nennt man Zuschauereffekt (aus dem Englischen: „Bystander-Effekt“). Den Zuschauereffekt kennt man insbesondere aus der Unfallforschung. Beobachten mehrere Personen einen Unfall ist es unwahrscheinlicher, dass jemand eingreift und hilft als wenn eine einzelne Person den Unfall beobachtet. Dass der Zuschauereffekt auch für Regelverstöße im Unternehmen eintritt, haben nunmehr Wissenschaftler nachgewiesen. Das Ergebnis ist, dass die Bereitschaft, ein Problem im Unternehmen dem oder der Vorgesetzten zu melden 2,5-mal geringer ist, wenn sich die Person, die das Problem beobachtet hat darüber bewusst ist, dass mehrere Kollegen auch von dem Problem wissen (Quelle: Insiya Hussain et al.: „The Voice Bystander Effect: How Information Redundancy Inhibits Employee Voice“, Academy of Management Journal).

Fazit

Die Compliance-Praxis sollte sich über die Existenz des Zuschauereffekts bewusst sein und dieses Wissen an ihre Mitarbeiter weitergeben. Im besten Fall dringen die wesentlichen Informationen dann auch zu denjenigen durch, die wissen, wie man damit umzugehen hat, nämlich zur Compliance-Abteilung/Revision.

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